Das Lächeln der Radieschen (Erstes Post von zwölf …zur BuchBlogParade 2014)

Genuss Salon 12.01.2014 4 Kommentare

Zu jedem 12. Tag der nächsten zwölf Monate stelle ich hier ein Buch vor. 
Ich bin sehr froh darüber, denn „nur“ ein Lieblingsbuch? Sorry, das geht nicht! Es sind zu viele schöne, interessante und lesenswerte Bücher in meinem Leben. Schließlich lese ich seit gut 47 Jahren und bevor ich selber las, wurde mir vorgelesen.

Eine Auswahl meiner Bücher… 

LESEN gehört zu meinen Genüssen wie ESSEN einfach dazu. Ein Leben ohne Bücher? Undenkbar. Lieber taub als blind? Na, das führt nun doch zu weit…

Also worum geht es in den nächsten Monaten? Die wunderbare Eva Maria Nielsen hat in ihrem Blog zu einer Bücherparade für das ganze Jahr aufgerufen.
Ein lesenswertes Experiment! 

Meine erste Empfehlung – ein Lebensbegleiter:

Edward Espe Brown schreibt über
Das Lächeln der Radieschen
Zen in der Kunst des Kochens

1997 erschien die Originalausgabe
Tomato Blessings and Radish Teachings
Recipes and Reflections

2002 kommt dann im Deutschen Taschenbuch Verlag unter 
ISBN 978-3-423-36268-9 die ungekürzte Ausgabe in den Deutschen Buchhandel.

Die Tiefe der Worte ist berührend. Die Rezepte sind großartig. 
Als Einleitung lächelt dem Leser ein Gedichtes von Rainer Maria Rilke 
„Die Sonette an Orpheus, XIII“ entgegen.

Zweihundertundeine Seite voller Impulse. Ein Buch für Seelenverwandte! Hier geht es um mehr, um viel mehr als den Austausch von Ideen und Rezepten. Hier lese ich in Portionen voller Poesie, großen Kellen mit Philosophie und kann in Töpfen echter Gefühle und schräger Erfahrungen rühren. Das macht zufrieden, bringt mir ein Lächeln auf die Lippen und hat mich an mancher Stelle auch sehr nachdenklich gemacht.

Hier ein Auszug von Seite 63 bis 

Um das Positive zu sehen, braucht man einen ruhigen Geist.

Als ich 1966 als Koch zu arbeiten begann, entwickelte ich binnen Stunden das hitzige Temperament eines Koches. Als Tellerwäscher war ich ruhig, heiter und gelassen gewesen, und wenn die Köche ihre gelegentlichen Wutanfälle bekamen, amüsierte mich das und ein bisschen war es mir auch peinlich. Ich konnte einfach nicht fassen, daß Köche tatsächlich so wutentbrannt herumbrüllten, da sie doch offensichtlich nichts dadurch erreichten. „Es ist dumm und lächerlich“, dachte ich so bei mir und zog vielleicht eine Augenbraue hoch. Diese Meinung sollte ich gründlich revidieren.
Manchmal sind Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, einfach zu höflich, um Ihnen Ihr Verhalten vor Augen zu führen. Mit Sicherheit aber wissen Sie, daß Ihnen etwas aufgefallen ist, wenn sie anfangen darüber zu beraten: „Was sollen wir wegen Ed unternehmen?“ Zwei Leute wurden eingestellt, um mich als Tellerwäscher und Bäcker zu ersetzen, trotzdem war ich in meiner neuen Stellung nicht entspannter. „Hol die Eier raus, solange sie heiß sind!“ brüllte ich. Schließlich sollte doch alles perfekt sein, oder? Und sollte nicht jeder sein Äußerstes und noch mehr geben, um das zu erreichen? Auf das Drängen meiner Mitarbeiter hin war ich damit aber einverstanden, mich zu bemühen, ruhiger zu werden.
Im Dezember jenes Jahres erwarb das Zen Center Tassajara. Weil ich bereits Zen-Schüler war und auf mehr als zwei Monate Kocherfahrung zurückblicken konnte, bot man mir die Stellung als Chefkoch dieses neuen Centers an. Im Laufe der Zeit lernte ich zwar dazu, und außerdem wußte jeder, daß die Küchenabläufe nicht gut durchstrukturiert waren. Aber ich nahm Zuflucht zu dem, was ich gerade tat. „Wenn Du Reis wäscht, wäscht du Reis, wenn du Suppe rührst, rührst du Suppe …“
Recht früh wurde mir klar, was jeder Koch merkt: Das Essen wird mehr oder weniger von alleine gar; das Schwierige sind die Leute. Sie tun nicht, was du willst. Sie verhalten sich nicht so, wie du es gerne hättest. Sie behandeln dich nicht so, wie du behandelt werden möchtest. Sie weisen auf deine Fehler hin…immer und immer wieder. Sie finden sich nicht mir dir und deinem Repertoire von Verhaltensweisen ab, das du dir zurechtgelegt hast. Sie applaudieren dir nicht bei jedem Schritt. (Um Himmels willen, sie sind ja schließlich nicht Mama und Papa. Aber sie wollen, daß du ihre Mama und ihr Papa bist.) Sie können deine Gedanken nicht lesen. Meine Güte, du mußt mit ihnen reden.
Die Frau, mit der ich zusammen arbeitete, hatte besondere Vorbehalte gegen meinen Führungsstil:
„Warum reden Sie so mit mir?“
„Wie denn?“
„Als seien Sie wegen irgend etwas wütend auf mich. Was habe ich denn getan?“
„Ich stehe unter starkem Druck, ja? Könnten wir uns darauf konzentrieren, unsere Arbeit zu erledigen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen?“
Die Leute kamen manchmal zu spät zur Arbeit, machten lange Pausen und schienen oft, wenn ich sie beim Arbeiten beobachtete, ziemlich geistesabwesend zu sein. Ich könnte nicht genau sagen, was sie eigentlich taten, aber es dauerte sehr lange, bis der Reis gewaschen war. Schließlich beklagte ich mich eines Tages bei Suzuki Roshi. Ich erzählte ihm von all den Problemen, die ich mit den Leuten hatte, die sich nicht so verhielten, wie sie sich meiner Meinung nach verhalten sollten (wenn sie ernsthaft Zen praktizierten): zu spät kommen, zu lange auf der Toilette verschwinden, tratschen, geistesabwesend oder unaufmerksam sein. Dann fragte ich ihn um Rat, wie ich alle dazu bringen könnte, mit mehr Konzentration und Energie zu arbeiten.
Er schien aufmerksam zuzuhören, als verstünde er mein Problem und wirkte sehr mitfühlend. (Ja, ja, man kann heutzutage keine gute Hilfe mehr finden.) Als ich schließlich am Ende meines Klageliedes angelangt war, schaute er mich kurz an und erwiderte: „Wenn Sie Tugend sehen wollen, müssen Sie einen ruhigen Geist haben.“
„Danach habe ich doch gar nicht gefragt“, dachte ich, aber ich sagte nichts. Ich ließ seine Worte eine Weile auf mich einwirken, bis ich meine Meinung änderte. Wollte ich meine Zeit damit verbringen, Fehler bei anderen zu suchen oder ihre positiven Seiten zu sehen? Es war mir nie in den Sinn gekommen, daß ich meine Zeit darauf verwenden könnte, das Positive zu sehen, aber durch die Bemerkung meines Lehrers erschien es mir naheliegend und offensichtlich. 
Später in diesem Gespräch sagte er: „Wenn Sie kochen, arbeiten Sie nicht nur mit Essen. Sie arbeiten an sich selbst. Sie arbeiten an anderen Menschen.“ Ja, natürlich dachte ich, das ergibt einen Sinn.
Ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, wie ich es tatsächlich anfangen sollte, bemühe ich mich von da an, „die Tugend zu sehen“. Immer wenn ich bei jemanden einen Fehler bemerke, ermahne ich mich, noch einmal hinzuschauen – aufmerksamer und ruhiger. Ich begann zu erkennen, daß die Leute durchaus guten Willens waren, begann die Anstrengung, die es sogar bereitete, auf der Stelle zu treten und alle Welt konnte es sehen. Ich gewann flüchtige Eindrücke unserer gemeinsamen Verletzlichkeit.

 … bis 64.

Wer hat Lust auf mehr? Ich würde mich auf einen Austausch freuen. Ich beantworte wie immer alle Mails, Nachrichten und Kommentare.

Leselust zum Sonntag und dazu einen herrlichen heißen Tee.
Viel Freude beim Schmökern,

       Katrine
Lihn – Die GenussTrainerin®

Ach und noch ein Wort zum Autor:
Edward Espe Brown ist Zen-Mönch und lebt in Nordkalifornien. Zusammen mit anderen führt das legendäre „Greens-Restaurant in San Francisco“. Er ist Autor diverser Kochbücher.

Das Lächeln der Radieschen (Erstes Post von zwölf …zur BuchBlogParade 2014)

4 thoughts on “Das Lächeln der Radieschen (Erstes Post von zwölf …zur BuchBlogParade 2014)

  • 12. Januar 2014 at 21:20
    Permalink

    Hallo Katrine,
    das gefällt mir!! Gibt es das Buch noch im Handel? Würde ich nach dem Lesen gleich 2 Leuten schenken wollen!
    Angelika

    Reply
    • 13. Januar 2014 at 9:26
      Permalink

      Hallo Angelika,
      ja das Buch kannst Du im Handel oder online bestellen.
      Ein echter Lebensbegleiter… schön dass es Dich anspricht.
      Mit einem Genussgruß, Katrine

      Reply
    • 13. Januar 2014 at 9:27
      Permalink

      Lieber Peter sehr gern und das freut mich.
      Im Februar gibt es die nächste Vorstellung… es bleibt also spannend und genüsslich!
      Mit einem Gruß aus der Küche,
      Katrine

      Reply

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