Die BuchBlogParade von Eva Maria Nielsen

Genuss Salon 12.03.2014 keine Kommentare
Schon wieder ist heute ein zwöfter! 
Der 12. März 2014.
Hm, die Tage fliegen dahin und jeden Tag gibt es Neues:
Zu lesen, zu essen, zu genießen, zu erleben.
Und es gibt die Märzstaffel von der BuchBlogParade 2014.
Mein Buch dafür: 
2006 erschienen beim Fischer Taschenbuch Verlag
diese Kurzgeschichten. Ja, das sind schon
besondere Beschreibungen und Wege, die die Frauen
über diese 197 Seiten gehen.
Das Verhältnis von Müttern und Töchtern ist
ein lang und breit diskutiertes, beschriebenes und
auch untersuchtes Thema.
Hier werden sehr besondere Beziehungen untersucht:
Wie stehen Mütter zu ihren lesbischen Töchtern?
Da sich einige lesbische Frauen in meinem Netzwerk tummeln,
ich einige von ihnen sogar recht gut kenne,
ist es kein Wunder, dass sich dieses Buch in mein Leben mischt.
Eltern, Verhaltensmuster, Geschwister und Familie im Besonderen und Speziellen sind immer wiederkehrende und nicht endenwollende
Lebensbegleiter. In jungen Jahren! Nein, es hört nicht auf.
Eltern bleiben Eltern und Kinder eben Kinder, egal wie jung oder alt.

Heute ist „Vieles“ leichter, denn wir führen Gespräche.
Oft jedenfalls. Meine Großeltern haben sich kaum
mit ihren Kindern unterhalten, mit mir jedoch.
Das Generationen-Dilemma!

Zurück zum Taschenbuch. 
Die Autorin Viola Roggenkamp wurde 1948 in Hamburg geboren.
Nach dem Studium der Psychologie, Philosophie und Musik lebte sie mehrere Jahre in verschiedenen Ländern, darunter Asien und Israel.
Heute lebt und arbeitet sie in Hamburg und gilt als eine der
renommiertesten feministischen Publizistinnen in Deutschland.

Das Vorwort zum Buch von Viola Roggenkamp:

Warum wird eine Tochter lesbisch und die andere heterosexuell?
Die meisten Mütter, mit denen ich gesprochen habe, wollten am liebsten
glauben, daß es in ihrer Tochter bereits dringewesen sei – das Lesbische.
Ich glaube das nicht. Ich glaube, daß Menschen sich den Gegebenheiten
anpassen, in die sie hineingeboren wurden. Lesbisch zu werden will gelernt sein – genauso wie heterosexuell. Und warum sollte gerade die Mutter nicht dazu beigetragen haben? Der wichtigste Mensch in den ersten Lebensjahren eines jeden Menschen ist die Frau.
Die sieben Frauen, die hier zu Worte kommen, geben Auskunft darüber, welche Bedeutung Mutter und Tochter wechselseitig füreinander hatten und haben, auch mit Blick auf den Vater, den Mann – im Dialog mit mir, im Monolog sowie in von mir nacherzählten Situationen. Den Stoff für diese wiederbelebten Bilder,  bis hin zu wörtlicher Rede, habe ich den Interviews entnommen.
Sieben individuelle Geschichten, die so aufgeschrieben wurden, wie diese Frauen den Blick freigegeben haben auf sich selbst, auf ihre lesbisch gewordene Tochter und auf deren Vater.
Einzige Voraussetzung war, daß ich keine der Mütter zuvor kannte und keine Tochter während des ganzen Arbeitsprozesses kennenlernen würde. Gemeinsam ist den sieben Frauen, daß sie von sich als Mutter einer lesbischen Tochter erzählen wollten. Sie taten es mit großer Intensität und hoher Konzentration. Drauf war ich angewiesen. Ich danke allen sieben Frauen für ihre Offenheit und ihre Bereitschaft, Zusammenhänge aufzudecken. Ihre Namen wurden geändert, die Ortsangaben gleichfalls.
Ich möchte mich auch bei den Töchtern bedanken, die über den Verlag Krug & Schadenberg die erste Verbindung zu ihrer Mutter hergestellt haben. Ihre Namen und die Namen ihrer Freundinnen wurden ebenfalls geändert.

Hamburg, im Januar 1996
Dazu noch ein Ausschnitt ab Seite 59 ff von Friederike Kroll, 48 Jahre.
„Die Wärme hat mir mein Mann gegeben“
Ich habe eine Freundin in Berlin. In Berlin habe ich viele Freundinnen. Diese Freundin ist eine besondere Freundin. Wir erzählen uns gegenseitig von unseren Liebesgeschichten. Auch die Kümmernisse. Unlängst sprachen wir über Trennungen und wie wir sie am liebsten hätten. „Mit einem guten Abendessen vielleicht zum Abschluß“, schlug sie vor. So ist sie. Aber das Leben ist nicht so. Und unsere Erfahrungen sind auch nicht so. Da wir bislang mit keiner der Frauen verheiratet sein konnten, gab es zumindest keine juristische Ebene, auf der zusätzlich hätte gekämpft werden müssen. Kinder kann es geben. Eine Schwiegermutter auch: die Mutter der Freundin. Sie möchte wissen, ob die andere Frau auch gut zu ihrer Tochter ist. Besser?
Mütter tauchen am Telephon auf. Manchmal verschaffen sie sich leise Zugang durch kleine Aufmerksamkeiten, treten auf in Form von eingekochter Erdbeermarmelade, mit schönem Gruß von Mutti, auch an Renate, Henriette, Marlies, Dorothea oder wie immer die Freundin der Tochter heißt. 
Dann steht Mutti auf dem Frühstückstisch. Im Glas.
„Ich rufe Dich noch an und sage dir genau, wann ich komme“, hatte ich meiner Freundin in Berlin versprochen. In Berlin bin ich mit Friederike Kroll verabredet. Sie ist ein Jahr älter als ich und Mutter einer vierundzwanzigjährigen lesbischen Tochter. Am Telephon ist sie ziemlich kurz angebunden. Im Hintergrund höre ich eine Männerstimme. Ob ich Sonnabend morgen um elf Uhr kommen könne? frage ich und halte das für eine angenehme Zeit. Sie: „Äh, Moment mal.“ Hand über der Sprechmuschel. Gurgelnde Töne im Äther. Da ist sie wieder. „Nee. Das ist mir zu früh. Um zwölf.“ Nach meiner Erfahrung dauert so ein Gespräch etwa drei Stunden, und oftmals ist es sinnvoll, nach einer kleinen Pause in die zweite Runde zu gehen. Sie: „Um zwei, spätestens halb drei muß ich aus dem Haus.“ Ich überlege. Nur zweieinhalb Stunden. Das ist knapp. Wenn der Mann da nicht im Hintergrund säße, würde ich anders sprechen, denke ich. Sie in forschem Ton: „Na, also länger wird’s ja wohl nicht dauern.“ Das wirst Du noch merken, knurre ich innerlich und sage freundlich: „Wir werden es schon schaffen. Dann bin ich also um zwölf bei Ihnen?“ Kleine Atempause am anderen Ende. Sie: „Moment mal.“ Diesmal keine Hand über der Muschel, sondern abgesenkte Flüsterstimme zu ihm: „Sie will herkommen.“ Gedehntes Brummen von hinten. Dann sie in mein Ohr: „Ja, is jut. Denn kommse ma.“
Ich brauche neue Tonbänder, Tintenpatronen für meinen Füller und eine Kladde mit kariertem Papier. Ich schreibe lieber auf Rechenpapier. Im Geschäft gibt es Unmengen von Schreibheften und Ansichtspostkarten. Zwei Wände sind mit diesen Karten bepflastert. Ich werde meiner Freundin in Berlin eine Karte schicken. Zeit genug ist noch. Ich suche nach einer passenden Ansicht, die sie und ich teilen können, und finde eine. Eine Photographie, die zwei kleine Kinder zeigt, beide vielleicht zwei Jahre alt. Sie sitzen einander gegenüber in der Badewanne. Das Wasser reicht ihnen bis unter die Ärmchen, vor allem aber über den Bauchnabel. Was unter der Oberfläche ist, kann man nicht sehen. Beide Köpfe sind gesenkt. Beide gucken einander gegenseitig zwischen die Beine. Das ist die Karte für meine Freundin, denke ich und lache leise. Dann höre ich auf zu lachen und sehe auf das heitere Gekicher neben mir. Eine Frau. Sie riecht gut. Sie meint dieselbe Karte. Sie lacht und sieht mich an. Ihre Augen sind übermütig, und sie mag ihren Busen, den sie zeigt. Ich mag ihren Busen auch. Doch ihr Lachen macht mich leicht wütend. Für sie steht fest, daß in dieser Badewanne ein Mädchen und ein Junge einander gegenübersitzen. Klar. Sie ist heterosexuell. Was soll sie sonst denken? Aber daß sie selbstverständlich davon ausgeht, für mich sei das genauso, das macht mich wütend. Was heißt wütend? Ich bin gekränkt. Sie schließt mich als Möglichkeit für sich völlig aus. Das ärgert mich. Dagegen muss ich sofort etwas unternehmen.
„Ja, so fängt das an“, sagt sie arglos und lächelt mich von unten an. Sie ist einen Kopf kleiner und ihrer Sache sehr sicher. Ich nicke freundlich und frage abgründig: „Was glauben Sie, welche ist das Mädchen?“ „Das Mädchen?“ wiederholt sie gedehnt. „schwer zu sagen. Was meinen Sie denn?“ Ich sehe in ihr Dekolleté, was sie beobachtet. „Beide“, antworte ich. „Ach wo“, lacht sie vergnügt eine halbe Tonleiter rauf. „Das kann es ja nicht sein, wonach die Kleine so neugierig guckt.“ Ich sehe wieder auf die Postkarte. In meinen Augen glimmt Wut. Das soll sie nicht wissen. „Sich selbst kennt sie ja“, spricht sie weiter. „Nein, nein, das sind natürlich Junge und Mädchen.“
Natürlich. Ich pflücke mir die Postkarte von der Wand und halte sie ihr hin. „Haben Sie schon einmal genau hingesehen?“ Sie sieht auf die zwei in der Badewanne und dann auf mich: „Ich? Wieso? Ach so, da unten.“ Rosa. Ich sehe es mit Genugtuung. Rosa Wolken steigen an ihren Hals auf. Wird sie sich jetzt umdrehen und wütend weggehen? Nein. Sie bleibt. Sie schüttelt ihre Haare nach hinten und weicht keinen Millimeter. „Das ist etwas schwierig“, antwortet sie. Ihre Stimme klirrt. „Da haben es Männer anatomisch gesehen einfacher.“ Ich sehe auf die beiden Mädchen in der Badewanne, die auch zwei Jungen sein könnten. „Darf ich Sie etwas fragen?“ höre ich sie. „Aber Sie müssen nicht antworten, wenn Sie nicht wollen“, fügt sie hinzu. Ich stecke die Karte wieder dahin, wo ich sie fortgenommen hatte. Keine Karte. Ich werde meine Freundin in Berlin anrufen. „Sie dürfen mich etwas fragen“, sage ich. „Aber dann frage ich Sie auch etwas.“ „Ich bin heterosexuell“, erwidert sie prompt. 
Ende  Seite 62
Diese Geschichte geht noch munter so weiter.
Bei manchen Passagen sehe und höre ich mich schmunzeln und kichern.
Doch es gibt auch die, die mich wütend machen.
Nun, jeder möge das für sich entscheiden.
Leselust und Lesegenuss.
Beim Lesen habe ich besonders am späten Nachmittag immer Lust auf 
eine kleine Genüsslichkeit. 
Heute hab ich mal wieder Äpfel gebraten. Dazu nehme ich statt wie sonst kein
Walnuss sondern Zimtöl und brauen Zucker mit Vanille.
Den Rest lege ich morgen auf meinen Salat.
Immer wieder schön frisch so ein Äpfelchen.
Es bleibt mir lieben Dank zu sagen,
an die Ideengeberin dieser Buchparade.
Eva Maria Nielsen hat eine Vielzahl von Menschen dazu eingeladen,
sich an diesem Projekt zu beteiligen. Ja, „es“ schreibt sich
nicht mal eben so von allein, doch ist es wunderbar die Bücher
des „Lebens“ vorzustellen.
Dazu sende ich diesen blumigen Frühlingsgruß
an Eva Maria Nielsen und alle Freunde des Buches,

Katrine
Lihn – Die GenussTrainerin®

Die BuchBlogParade von Eva Maria Nielsen

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