Wie in einer anderen Zeit: 1863 trifft 2014

Genuss Salon 24.03.2014 keine Kommentare

Backsteine, Schotterwege und rauschendes Wasser. Rauch steigt auf. Keine Menschenseele ist zu sehen. Langsam fahre ich auf den Hof. Greitweg heißt die Straße. Ich befinde mich in Göttingen. Mitten in der Zivilisation in Südniedersachsen. Und doch scheint alles unwirklich. Rechter Hand gibt es ein neues Gebäude. Ein Schild, ganz modern, mit dem Hinweis: Badehaus. Aha.

Ich rolle noch ein Stückchen weiter. Am Telefon sagte die Dame: „Kommen Sie ins Büro. Das ist am Ende der Einfahrt rechts.“ Nein, es ist kein Abenteuer. Nicht wirklich. Doch ein klitzekleines Bisschen fühlt es sich so an. Seit Wochen warte ich auf diesen Moment. Gespannt steige ich aus und stehe vor dem alten Haus mit dem Schild aus einer vergessenen Zeit. Büro. Eine kleine Treppe führt mich in das alte Gebäude. Die Türen knarzen ein wenig und dann stehe ich vor einem Tresen und blicke in einen offenen Raum: das Büro.

„Guten Tag“. Ich sehe niemanden. Höre Rascheln und ein „bin gleich bei Ihnen“. Eine Frau steht wie aus dem Nichts vor mir und lächelt. „Guten Tag. Sie sind Frau Lihn. Stimmt’s?“ „Ja. Ich möchte den Betrieb besichtigen. Wie besprochen.“ Sie schickt mich über den Weg in das Haus mit der offenen Tür. „Fragen Sie nach Herrn Ortmann. Der erklärt Ihnen alles.“ 

Hinter der offenen Tür arbeiten drei Frauen. Sie füllen das Salz in Tüten ab. Von Hand!

So sehe ich jetzt direkt am Anfang das Ende. Das Endprodukt. Das Salz aus der Vergangenheit. 250 Millionen-Jahre-alte-Meersalzablagerungen werden hier ans Licht des Tages gefördert. Unglaublich, doch ganz real.

Ich bin in der Saline Luisenhall. Mitten in der Gegenwert und doch in der Vergangenheit. Es ist so großartig. Die Frauen freuen sich an meinem Interesse. „Ja, Herr Ortmann kommt gleich zu Ihnen. Schauen Sie sich ruhig um.“

Aus dieser Maschine kommt das Salz für die Tüten. Seit Jahren verwende ich und veredle es. Nun stehe ich endlich hier.

In Mitten der losen Waren. Der Paletten und der Menschen, die sich die Mühe machen Salz wie zu Kaisers Zeiten zu produzieren. 

                          

Luisenhall ist die einzige Pfannensaline in Europa. Hier in Göttingen wird in einem Produktionsbetrieb wie vor tausend Jahren gearbeitet. Das Eichenfachwerk sowie die technischen Einrichtungen stammen aus dem 19. Jahrhundert. Dieses Salzwerk steht unter Denkmalschutz und wie ich später auf meinem Rundgang sehen werde, ist es mehr als erstaunlich, dass hier „richtig“ produziert wird. Ohne blinkende modernste Technik. Hier arbeiten eine Handvoll Menschen und die sind stolz dabei sein zu dürfen.

Stefan Ortmann wird mich durch die Räume, die verschiedenen Häuser und Ebenen führen. Er ist der „Solemeister“ und seit Jahren ist Luisenhall seine Wirkungsstätte, seine Heimat. Hier kennt er alles wie seine Westentasche. Mit großer Achtsamkeit und Würde vor dem Produkt, erklärt er mir während der nächsten Stunde wie Salz gewonnen wird. Ich bin gespannt und auch stolz. Stolz hier dabei zu sein.

Als erstes gehen wir in ein kleines Häuschen. Hier beginnen die Schulklassen ihre Ausflüge in die Geschichte des Salzes. Na, dann bin auch hier richtig, neugierig wie ein kleines Mädchen.

In so einer alten Pfanne wurde früher die Sole gekocht. Heute sind die Pfannen so groß wie ein Raum. Später mehr davon. 

In einem Regal stehen Tüten mit Salz. Die Entwicklung der Verpackung. Heute gibt es 500gr und 1000gr Beutel zu kaufen. Das Salz hat eine besondere Klasse, es schmeckt auch komplett anders als herkömmliches Speisesalz.

„Und Sie machen Kräutersalz aus unserem Tiefensalz?“ bei der Frage schüttelt Herr Ortmann seinen Kopf. „Warum machen Sie das?“ So beginnen wir unseren Rundgang mit einem Fachgespräch über Salze, Kräuter und meiner Idee der Produktentwicklung für den etwas anderen Genuss. „Zitronengras und Eisenkraut mit grobem Salz in einer Mühle“, er lacht. „Sie haben Einfälle.“

Wir stehen vor einem „gebeugten“ Haus. Ich bin in einer anderen Welt. Tauche wie in die Sole ein, in das Wissen der Vergangenheit im wirklichen Jetzt. „Hier reparieren wir und arbeiten unsere Geräte auf. Wir machen das selbst und müssen es auch. Die alte Technik der Gerätschaften kennt kaum noch jemand.“

„Sie sind bestimmt ein Alleskönner, oder?“ Er guckt mich an und nickt stumm mit dem Kopf. Für Schmeicheleien ist dies nicht der passende Ort. Das stimmt wohl. Hier wird hart gearbeitet! Die Widrigkeiten spüre ich mit jeder Faser. Kleine Stufen, steile Treppen. Es ist heiß in der oberen Ebene. Dort wird mit 160 Grad das Salz von der Sole getrennt, sprich getrocknet.

Doch der Reihe nach. Das Eichenfachwerk kann sich als Foto für eine Ausstellung eignen. Industrie- und Bautenfotografie der vergessenen Jahre. Wahnsinn! Ich kann mich gar nicht satt sehen an all den Räumen. Bleibe ständig sehen, zeige und frage. „Was ist denn das? Warum sieht es so kaputt aus und funktioniert dennoch?“ Ach vielen Dank schon mal zwischendurch an Herrn Ortmann. Er erklärt mir alles. Genau und bedächtig. Wie einem Schulkind. Das ist gut! 

Das Salz kommt aus 450m Tiefe und wird hier raufgebracht. Der Bohrturm verrichtet diese Arbeit.

Hier in Luisenhall – Hall ist übrigens das keltische Wort für Salz – werden täglich zwischen acht und neun Tonnen Salz gewonnen. Herr Ortmann schmunzelt „die großen Kali- und Salzwerke machen solche Mengen vor der Frühstückspause. Wir arbeiten hier in einem langsamen Verfahren und die Güte des Salzes spricht für sich.“

Das Salz, oben angekommen, wird bei ungefähr 70 Grad gesiedet. Je heißer die Temperatur, desto feiner wird hinterher das Salz.

Diese zimmergroßen Becken sind die Pfannen. Das hochgepupmte Wasser mit dem Salz strömt hinein. Die Hitze kommt von unten. Herr Ortmann verspricht mir später die Feuerstelle zu zeigen.

Die „Arme“ schieben das Salz nach vorne. Hinten wo es so stark dampft ist es besonders heiß. Dort wachsen die Salzblüten.

„Wir ernten die Blüten und lassen sie dann trocken“ erklärt mit der Solemeister. 

„Ernten“ frage ich ungläubig? „Die werden doch vom Wasser abgeschöpft, oder nicht?“ Herr Ortmann schaut mich an und wieder huscht ein Lächeln über seine Lippen, die Augen blitzen. „Ja, ernten…“
                                                              …Fortsetzung folgt.

Für heute einen wunderbaren Start in den Montag mit einem Salzgruß
und dem Zitat des Volksmundes: Brot und Salz, Gott erhalt’s.

                       Ihre
Katrine Lihn – Die GenussTrainerin

Wie in einer anderen Zeit: 1863 trifft 2014

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